Tagebuch aus der Klinik

Als fredminuserika postet Sirka auf Instagram über den Umgang mit psychischen Erkrankungen. Entstigmatisierung ist ihr Ziel. Warum die Plattform dafür nicht mehr ausreicht

Sie hatte eine kleine Followerschaft, als sie anfing von ihrem Krankenhausaufenthalt zu berichten. Unter dem Hashtag #hospitaldiary sammelt Sirka die schönen und nicht so schönen Momente, die sie in der psychosomatischen Klinik erlebt. Anorexie und Depressionen, so die Diagnose vor 10 Jahren. Der Kampf mit und auch gegen die Krankheit ist geleitet von Höhen und Tiefen. Doch Sirka schlägt sich durch.

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Eineinhalb Monate nach meiner Entlassung zieht der Sommer Brände. Viele Tage finden zwischen Bett, Küche und Bad statt. Das Essen geht durcheinander. Ich kenne Netflix auswendig. Meine Bedarfsmedikation läuft aus und bildet einen braunen Fleck auf dem Tisch. Im Nebenzimmer redet mein Mitbewohner mit Menschen im Internet. Im anderen Nebenzimmer klingt meine Mitbewohnerin manchmal wie Cat Power, wenn sie singt. In meinem Zimmer liege ich und schwitze und denke daran, wie meine Einsamkeit aufgefangen wurde, drei Monate lang. Ich denke an die Kiesteiche, in denen man nicht schwimmen durfte und in denen ich im letzten Aufenthalt nicht geschwommen bin. Ich denke an die Therapeutin, die bei ihrem Gang in den Feierabend jedesmal an diesem einen Rosenstrauch Halt machte, kurz an einer Blüte roch und dann weiterging. Ich denke daran, dass man gelbe Karten kassieren konnte, wie auf einem Fußballfeld. Die ersten Patient*innen habe ich bereits vergessen, an andere hingegen erinnere ich mich noch gut: Die, mit denen ich eine Geschichte teilte, ohne, dass wir sie uns erzählen mussten. Natürlich drehe ich mich nicht um, wenn ich mir abends in der Küche ein Brot schmiere, weil ich denke, vielleicht steht da nochmal die Patientin mit den in den Himmel toupierten Haaren, die auf meine gerötete Schulter tippt und sagt: "Hast du Brand?", aber es wäre eine schöne Anekdote über das Vermissen. #posthospitaldiary #dasdörflichehatüberlebt #beautyfarmstories #beautyfarmland #igersgermany #vsco #vscocam

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Tagebuchartig erzählt sie von Therapiesitzungen, lässt ihre Follower ganz nah dran. Seit der Storyfunktion von Instagram sind ihre Erlebnisse ständig in ihrem Profil präsent. So teilt sie dort witzige und skurrile Momente aus dem Klinikalltag und regt sich über den Spruch des Tages auf: einer täglich wechselnden Postkarte mit Kalendersprüchen, die am Schwarzen Brett aushängt. Sie filmt sich, wie sie allein in ihrem Zimmer tanzt. Teilt Bücher und Lieder, die sie bewegen. Manchmal gibt es auch Selfies, die sie nach dem Weinen zeigen. Rote Augen, feuchte Wangen. Doch es gibt auch schöne Momente: Ausflüge mit Menschen, die sie in der Klinik kennenlernt oder die Wochenenden, an denen sie nachhause fährt.

In anderen Storys beantwortet Sirka Fragen zu Essstörungen und Depressionen und gibt Tipps für Familie und Freunde der Betroffenen. Auch sonst teilt sie ihre Erfahrungen: Storys mit Tricks für depressive Phasen oder motivierende Tumblr Posts für den Weg aus der Essstörung. Ganz schön ironisch. Auf Tumblr waren damals eher Postings zu finden, die junge Frauen zum Hungern anspornen. Generell scheinen soziale Medien voll von Fitnessfanatikern und Mädchen mit Modelmaßen zu sein. Doch Zeiten ändern sich.

Auf Instagram ist Sirka mit ihren mittlerweile knapp 10.000 Abonnenten längst nicht mehr unbekannt. Zeitschriften wie ZEIT Campus oder Emotion veröffentlichen Beiträge über sie. Von Anonymität bleibt da nicht viel. Doch das will sie auch gar nicht. In einem Interview mit dem Salve Magazin sagt sie: „Ich brauchte einen Raum, in dem ich meine Gefühle teilen konnte. Da kam mir Instagram sehr gelegen.“

Inzwischen teilt sie Fotos aus ihrem Alltag, von Museenbesuchen, ihren Freundinnen und Büchern, die sie weiterempfiehlt. Das Leben in der Klinik ist eben nur vorübergehend. Über psychische Erkankungen schreibt sie nun lieber auf ihrem Blog vomtrotzdemleben, Instagram biete zu wenig Platz für Texte. Und Texte liebt sie. Sirka bezeichnet sich selbst als Lyrikerin, hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Aktuell widmet sie sich dem Studium der Sprachkunst. Dafür ist sie nach Wien gezogen – und hat ihre Freundinnen zurückgelassen. Auch dabei lässt sie uns auf Instagram teilhaben, vom Abschied nehmen und neu anfangen.

Schon bei ihrem Pseudonym, Fredminuserika, beginnt ihre ganz persönliche Sprachkunst. Ihr Pseudonym ist eigentlich keins. Es setzt sich aus ihrem Zweitnamen Frederika zusammen. Nur eben mit Bindestrich: Minus. Dieser sprachliche Umgang findet sich auch in ihren Postings wieder. Sie spielt mit dem Unerwarteten, regt zum Nachdenken an und beschreibt teils skurrile Situationen auf eine Weise, die die Follower wie selbstverständlich in ihre Welt zieht.  

Gerade in Zeiten von Selbstvermarktung und Perfektion nimmt Sirka die Rolle einer virtuellen Freundin ein. Sie wird ihre 10.000 Follower wohl nicht alle zum Kaffeekränzchen besuchen. Doch sie hört ihnen zu und gewährt einen Einblick in ihre Gedankenwelt. Sie gibt Ratschläge und erhebt trotzdem nicht den belehrenden Zeigefinger, bleibt immer zugänglich und auf Augenhöhe. Sie bezieht ihre Follower mit ein und nimmt sie ernst. Und erleichtert so auch anderen, über ihre Probleme zu sprechen. Diese nicht zu verstecken und als Teil von sich anzunehmen. Immer mit der Hoffnung: Es wird besser. Du bist stark.

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